NEURODIVERGENT UND SELBSTSTÄNDIG: WAS WIRKLICH FUNKTIONIERT – 8 EHRLICHE LEARNINGS AUS DEM PODCAST

Ich war kürzlich zu Gast im Podcast Neurodivergentes Unternehmertum bei Paulina Hornbachner. Fast eine Stunde haben wir offen darüber gesprochen, wie Selbstständigkeit mit ADHS, Autismus und chronischen Erkrankungen nicht nur funktionieren kann – sondern sich richtig gut anfühlen kann. Das komplette Interview habe ich dir hier unten verlinkt. Hier findest du die wichtigsten Learnings daraus – kompakt, ehrlich und ohne Schönfärberei.

 


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1. DEINE ANDERSARTIGKEIT IST KEIN MAKEL – SIE IST DEIN ALLEINSTELLUNGSMERKMAL

Ich habe lange gedacht: Wer soll denn mit mir arbeiten wollen? Ich kann nicht telefonieren. Ich brauche Ruhe. Ich habe einen Lebenslauf, der sich bestenfalls abenteuerlich liest – Schulabbruch, Abendschule, Studium mit Mitte 30, gescheiterte Jobsuche danach.

Was ich damals nicht verstanden habe: Genau diese Andersartigkeit ist eine Stärke. Wenn du dich an die richtige Zielgruppe wendest.

Eine Kundin hat mir mal gesagt, dass ich für neurodivergente Menschen besonders barrierearm arbeite. Nicht weil ich das strategisch geplant hatte, sondern weil ich mein Business so gestaltet habe, wie ich selbst arbeiten kann. Keine Telefonate, kein Termindruck, alles per Fragebogen und Mail. Was ich für eine Einschränkung gehalten hatte, ist für viele meiner Kunden genau das Richtige.

Das gilt für dich genauso: Was du für einen Nachteil hältst, kann für die richtigen Menschen ein Vorteil sein.

 

2. SCHWÄCHEN ELIMINIEREN WOLLEN IST DER FALSCHE ANSATZ – STÄRKEN AUSBAUEN IST DER RICHTIGE

Lange dachte ich, ich müsste meine Schwächen in den Griff kriegen. Dass das nicht geht, war für mich lange ein Zeichen von Versagen.

Dabei ist die Lösung so viel einfacher: Was du nicht kannst, kannst du auslagern, automatisieren oder durch clevere Prozesse umgehen. Aber da, wo du Talent und echtes Interesse hast – da baust du so tief auf, dass du Spezialist wirst und gute Preise aufrufen kannst.

Ich bin bekannt für Klarheit. Meine Kunden loben das immer wieder. Dabei bin ich eigentlich ein klassischer ADHS-Wirrkopf. Was hat sich verändert? Ich mache Arbeit, die mich so sehr packt, dass ich auf den Hyperfokus lande. Der gibt mir genau diese Klarheit. Ich habe meine Konzentrationsprobleme von früher kaum noch, seit ich selbstständig bin. Das ist kein Witz.

Deine Stärken sind dein Kapital. Investiere dort. Und nicht in die ewige Arbeit an dem, was eh nicht dein Ding ist.

 

3. AUTOMATISIERUNG UND BATCH-WORKING SIND KEINE LUXUS – SIE SIND ÜBERLEBENSNOTWENDIG

Paulina hat im Gespräch etwas auf den Punkt gebracht, das ich vollständig unterschreibe: Gerade wenn du Autismus oder ADHS hast, solltest du unbedingt alles Mögliche automatisieren, weil du sonst bestimmte Dinge gar nicht erst machen kannst.

Ich habe früher mit Papierkalender gearbeitet. Wenn ich etwas verschieben musste, hat das ewig gedauert. Heute arbeite ich mit einem digitalen System, in dem To-Dos wiederkehren, Deadlines sichtbar sind und nichts verloren geht. Das klingt unspektakulär, ist aber ein Gamechanger.

Dazu kommt Batch-Working: Ich wechsle nicht innerhalb einer Stunde zwischen fünf verschiedenen Tätigkeiten. Stattdessen gibt es Tage, an denen ich nur an Social-Media-Content arbeite, oder Tage, an denen ich mich nur um Blogbeiträge kümmere. Dieser Wechsel zwischen Tätigkeiten kostet uns (gerade mit exekutiver Dysfunktion) unverhältnismäßig viel Zeit und Energie. Das Einrichten dauert bei mir und Paulina bis zu 30 Minuten. Wenn ich nach 40 Minuten schon wieder wechseln muss, habe ich kaum etwas geschafft.

Wer aber einmal im Thema bzw. der Tätigkeit drinnen ist, bleibt drinnen. Das ist unglaublich effizient.

 

4. VERGISS DAS 9-TO-5-DOGMA. ARBEITE DANN, WENN DU KANNST

Mein Arbeitstag fängt nicht vor dem Mittag an. Ich habe einen Schlafrhythmus, der von außen seltsam aussieht, aber meinem Biorhythmus entspricht. Ich schlafe oft erst um 2 Uhr ein und wache um 10 Uhr auf. Hauptsache, ich bin ausgeruht.

Ich habe oft kurze Tage mit zwei, drei Arbeitsstunden. Ich habe aber auch schon mal 12 Stunden durchgearbeitet, weil ein Kundenprojekt kurz vor Abschluss war und ich dann natürlich weiter daran arbeite, statt mich unnötig aus dem Hyperfokus zu reißen.

Beides ist okay. Sowohl lange als auch kurze Arbeitstage haben ihre Daseinsberechtigung.

Ich habe auch keine regulären freien Wochenenden, dafür aber manchmal mitten in der Woche einen freien Tag. Weil mein Hirn es braucht. Ich merke das daran, dass ich zwar schmerzfrei aufwache, aber null Motivation habe. Das ist das Signal. Ein erzwungener Arbeitstag an so einem Tag wäre Zeitverschwendung und ein Schritt Richtung Burnout.

Mit der eigenen Tagesform zu arbeiten statt gegen sie – das war für mich eins der wichtigsten Learnings überhaupt.

 

 

5. DAS BUSINESS MUSS SICH NACH DIR RICHTEN, NICHT DU NACH DEM BUSINESS

„Nur die, die ganz hart arbeiten, sind echte Unternehmer“ – ich habe so einen Unsinn eine Weile tatsächlich geglaubt. Und dann habe ich mich gefragt: Wofür habe ich mich eigentlich selbstständig gemacht?

Um mich permanent zu stressen? Um zu posen, wie sehr ich struggle? Nein.

Ich bin selbstständig, weil ich mich verwirklichen will. Weil ich Freude an meiner Arbeit haben will. Weil ich einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen will. Und als Nebeneffekt damit auch meinen Lebensunterhalt verdiene.

Paulina bringt das in unserem Gespräch wunderbar auf den Punkt: Wenn du dein eigenes Unternehmen gründest, geht es darum, dass sich das Unternehmen nach dir richtet. Nicht umgekehrt. Nur dann hältst du es langfristig durch. Und nur dann ist es nachhaltig, sowohl für dich als Person als auch finanziell.

Das ist kein weicher Selbstfürsorge-Ratschlag. Das ist eine strategische Entscheidung, die deinen Business-Erfolg als Neurodivergenter überhaupt erst ermöglicht!

 

6. GESTALTE DEIN MARKETING VÖLLIG INDIVIDUELL UND AUTHENTISCH

In Reels tanzen? Networking-Events besuchen? Kaltakquise per Telefon durchziehen?

Ich habe mich kurz zu Telefonaten mit Interessenten hinreißen lassen. Das Ergebnis: Ich habe dazwischengequasselt, war zwei Tage vorher nervös und danach zwei Tage kaputt. Das ist schlicht kein gutes Energiemanagement.

Heute läuft das bei mir so: Wer Interesse hat an meinen Angeboten im Bereich Positionierung, Brand Design oder Webdesign, der füllt meinen Fragebogen aus. Das siebt die Leute durch. Wer wirklich Lust hat, mit mir zu arbeiten, erledigt das und gibt sich Mühe dabei. Ich habe dann alle wichtigen Infos fürs Briefing, kann ein Angebot rausschicken und der Rest läuft per Mail.

Was ich für unmöglich gehalten hatte, funktioniert. Sowohl bei neurodivergenten Kunden als auch bei neurotypischen.

Du musst nicht auf Messen gehen. Du musst nicht täglich dein Gesicht in die Kamera halten. Du könntest stattdessen z. B. Social Selling betreiben, indem du in Gruppen hilfreiche Tipps gibst und so Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Du kannst einen Faceless Channel aufbauen, bei dem man dich nicht sieht. Du kannst einen Podcast machen. Du kannst Blogbeiträge schreiben.

Die Leute, die zu dir passen, finden dich genau dadurch, was du tust. Wenn es zu dir passt und damit authentisch ist.

 

7. INDIVIDUELL STATT SCHEMA F

In einer Facebook-Gruppe wurde mal ich gefragt, welche Methoden und Techniken ich in meinem Business-Coaching für Neurodivergente anwende. Die ehrliche Antwort: keine festen.

Nicht weil ich keine lernen wollte. Sondern weil jeder Mensch so individuell ist in seinen Talenten, seinem Background, seinen gesundheitlichen Problemen und seinen Bedürfnissen, dass ein starres Raster schlicht nicht passt.

Stattdessen schaue ich genau hin. Denke analytisch. Nehme Nuancen während des Coaching-Gesprächs im Videocall wahr. Manchmal kommt z. B. jemand mit einer Frage zur Angebotsgestaltung. In einem Nebensatz bemerke ich aber, dass da eigentlich Ängste rund um die Preisgestaltung schlummern. Das ist dann das eigentliche Thema.

„Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten“ – das gilt im Business genauso. Ein Coaching-Schema, das über allen übergestülpt wird, widerspricht dem Grundprinzip von Neurodivergenz im Alltag. Denn wir sind alle so individuell. Genau das muss sich in der Begleitung widerspiegeln.

 

8. SELBSTSTÄNDIGKEIT KANN DIE PSYCHISCHE GESUNDHEIT VERBESSERN – WENN SIE ZU DIR PASST

Das klingt erstmal kontraintuitiv, weil Selbstständigkeit ja oft für Stress und Unsicherheit steht. Ich kann nur von mir sprechen: Mir geht es psychisch wesentlich besser, seit ich selbstständig bin.

Davor erlebte ich eine Jobsuche, die nicht funktioniert hat, einen zusammenbrechenden Berufstraum, Depressionen. Dann las ich das Kapitel Selbstständigkeit mit ADHS in einem Buch. So formte sich langsam meine Business-Idee, mit der ich in die Selbstständigkeit startete.

Mit jedem kleinen Schritt in Richtung Selbstständigkeit verschwand meine Depression. Kein Witz! Durch die sinnstiftende Tätigkeit und die berufliche Perspektive ging es mir nach und nach besser.

Was ich aus meiner eigenen Geschichte mitnehme und jedem weitergeben will, der gerade zögert: Du weißt oft nicht, was in dir steckt. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele Stärken habe, mit denen man ernsthaft erfolgreich selbstständig sein kann. Ich habe tatsächlich mal gedacht, ich bin dumm und unnütz.

Probier es lieber, als dir auszureden, dass es nicht funktionieren könnte. Könnte ja geil werden.

 

MEIN WICHTIGSTER RAT

Richte deine Selbstständigkeit konsequent nach deinen eigenen Interessen, Stärken, Bedürfnissen und Werten aus. Von der Geschäftsidee über die Arbeitszeiten bis hin zum Marketing. So schaffst du eine Basis, die wirklich zu dir passt und die den Grundstein für deinen Erfolg legt.

Das ist nicht nur meiner Erfahrung nach der einzige Weg, der langfristig funktioniert.

 

Du möchtest aus meinen Erfahrungen und meiner Expertise lernen? Ich begleite als Business-Coach neurodivergente Selbstständige und Gründer dabei, ihren eigenen Weg zu finden. Sowohl eine Coaching-Einzelsitzung als auch ein längeres Coaching-Programm sind möglich. Ich freue mich auf dich!

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